„Denn wer das Leben lieben und gute Tage sehen will,
der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede,
und seine Lippen, dass sie nicht betrügen.
Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes;
er suche Frieden und jage ihm nach.“

1. Petrus 3, 10-11

Am 9. November jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten in ganz Deutschland jüdische Synagogen. Die Gewalt und Zerstörung jüdischen Eigentums spitzten sich zu.

1938 und 2018

Wir alle kennen die Geschichte, haben die Bilder von ausgebrannten Synagogen und verfolgten, misshandelten und ermordeten Menschen im Kopf. Denn das waren sie – Menschen wie du und ich. Und doch lehrt uns das Jahr 2018, dass diese unfassbar unmenschlichen Taten nicht ein Einzelfall in der Geschichte bleiben. Die Parallelen, die wir zwischen 1938 und 2018 ziehen können, sind erschreckend und unbegreiflich: Die gewalttätigen und antisemitischen Ausschreitungen u.a. in Chemnitz machen deutlich, dass die Erinnerung und Aufbereitung der Reichspogromnacht heute wichtiger denn je ist. Das Land NRW reagierte bereits und hat am 06.11.2018 Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) zur neuen Antisemitismusbeauftragten ernannt.

Erinnerung muss aufrecht erhalten werden

Das Gebäude der Familienfürsorge, in dem wir heute sitzen, liegt genau dort, wo vor 80 Jahren die Synagoge Detmold stand. Das Grundstück wurde damals in den 50-er Jahren von der Stadt Detmold an uns verkauft. Gegenüber liegt das Evangelische Beratungszentrum der Lippischen Landeskirche – hier hatte bis Juni 2017 Pfarrer Christoph Pompe die Leitung inne. Sowohl wir als auch Pfarrer Pompe wollen die Erinnerung an die Synagoge aufrecht erhalten und an dessen Schönheit und gleichzeitig schrecklichem Schicksal erinnern. Pfarrer Pompe hat über die Jahre historische Daten und Zeitzeugenberichte gesammelt und zusammengefasst. Einen historischen Abriss der Ereignisse von 1938 hat er uns zur Verfügung gestellt:

Das Gebäude der Ev. Beratungsstelle wurde vom Lebensmittelgroßhändler Avenhaus 1903 gebaut. Der kleine Sohn war mit dem Sohn Max des Synagogendieners (Louis Flatow – gestorben im KZ Buchenwald) befreundet. Gegenüber stand die „Neue Synagoge“ der jüdischen Gemeinde in Detmold. Kein Mitglied der jüdischen Familie Flatow überlebte.

So wie der Gedenkstein gegenüber erinnern unsere Bilder an die Schönheit des Gebäudes der Synagoge und an sein geschmücktes Inneres: es waren 242 aus Eiche geschnitzte Sitze vorhanden: 154 befanden sich im Erdgeschoss und 88 auf der Empore. Die Fenster zeigten Sinnbilder wie den siebenarmigen Leuchter. Schofar (Horn) und Palmenzweige sowie Inschriften wie: ….“Danket dem Herren“ ….“Der Herr ist mein Licht“ und …“Gedenke unserer zum Leben“.

Das Gebäude wurde 1907 bei der Einweihung … in seiner äußersten architektonischen Schönheit als … „Zierde unserer Stadt“ gelobt. In der Nacht zum 10. November 1938 wurde es in Brand gesteckt: anwesend sind die Pfarrwitwe Meta Ulmke (inzwischen sog. …. SA-Mutter von Detmold) Kreisleiter Wedderwille, Bürgermeister Hans Keller und der stellvertretende Bürgermeister Wilhelm Schürmann (zugleich Dezernent für das Feuerlöschwesen). Die Feuerwehrleute bilden einen Absperrring. Aus einem Feuerwehrauto wurden Fässer mit Benzin gerollt und das Innere der Synagoge damit getränkt. In das Wohnhaus der Familie Flatow drangen Täter ein: Zeugen berichten später vom Schreien und Weinen der Kinder.

Die Synagoge brennt bis auf die Grundmauern nieder – alles wird von Schaulustigen beobachtet.

Die jüdischen Bürgerinnen und Bürger von Detmold werden noch in der Nacht um 2 Uhr und am späten Morgen verhaftet und ins Gefängnis eingeliefert – 60 in ganz Lippe. Alle unter 65 werden mit dem Omnibus nach Bielefeld gebracht und am 12. November 1938 in das KZ Buchwald gebracht.

(Quelle: G. Mitschke-Buchholz. Auf jüdischen Spuren: zwei Stadtrundgänge durch Detmold. S. 48 f. Lage. 2001)
Nationalsozialismus in Detmold. Stadt Detmold (HG.). S. 650 ff. … (Jürgen Hartmann/Der November-Pogrom in Detmold 1938) Bielefeld 1998

Das was damals unseren Mitmenschen widerfahren ist, soll nie in Vergessenheit geraten. Das Leid und die Verbrechen, die verübt wurden, sollen nie wieder eine solche Macht erlangen. Und dafür  können nur wir sorgen und in dieser Verantwortung stehen nur wir. Wir alle.