Ihr Lieben,

wenn heute eine Fee angeflogen käme, und ich wählen müsste, auf welchen Sinn ich am ehesten verzichten könnte – dann würde ich von all den Möglichen, von FÜHLEN, HÖREN, RIECHEN, SCHMECKEN – das SEHEN wählen.


Ich weiß genau, auf was ich alles verzichten würde: Sonnen, die am Horizont wie Feuerbälle untergehen, bunte Blumen, die mein Herz anstrahlen, festlich gedeckte Tische, bei denen das Auge mitisst, das Funkeln in den Blicken meiner Lieblingsmenschen.


Augen lassen sich täuschen

Ja, all diese Bilder würden nie den Weg zu meinem Herzen finden, und trotzdem würde ich –nur unter Zwang natürlich, versteht sich- auf sie verzichten. Weil SEHEN der Sinn ist, der uns alle am meisten täuschen kann. Wahrscheinlich deshalb, weil viele zum Sehen nur ihre Augen benutzen.


Sie lassen sich täuschen von schönen Worten, teuren Dingen und glitzernden Fassaden. Und auch ich gehöre zu denen, die erst lernen mussten, genau hinzuschauen, weil mein Herz viel zu oft nicht glauben will, dass all diese Dinge zu schön sind, um wahr zu sein.


Erst als ich vor fünf Jahren nach Berlin zog, merkte ich nach und nach, wieviel Schönheit in zweiten Blicken liegt. Wieviel Zauber sich in runtergekommenen Ecken verbirgt, wieviel Kunst im nicht perfekt sein steckt, wieviel Sicherheit in klaren Worten wartet. Denn Berlin hat verstanden, worüber im Alltag viele einen Filter legen: Dass wahre Schönheit im Echtsein liegt.


Wahre Schönheit erkennen

Und so lehrte mich die Stadt, meine Augen zu verwenden, um die Welt und die Menschen um mich herum so zu sehen, wie sie wirklich sind. Und nach einiger Zeit geschah das Magische: Auch sie sahen mich. In all meiner Traurigkeit, meiner Freude, Angst und Glück, entdeckte ich immer mehr Augenpaare, die mich ansahen – und immer mehr Herzen, die sich mit meinem verbanden.


Sie sind selten und kostbar diese Verbindungen, du musst sie hüten wie deine Augäpfel. Sie hegen und pflegen, die Menschen, die dich wirklich sehen können. Die die Liebe in dir sehen können, hinter all deinen glitzernden Fassaden.


Und wenn du sie gefunden hast, dann lass sie nicht mehr gehen. Denn es gibt nur wenige Menschen, die für dich bestimmt sind. Und nach einiger Zeit begreifst du: Die Richtigen sind die, die ihre Augen benutzen, um in dein Herz zu sehen.


Weil sehen Leben ist.

Deine L*

Man sieht nur mit dem Herzen gut –
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.
(Antoine de Saint-Exupéry aus >Der kleine Prinz<)